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Haus R1 Wiesbaden

Schon der Name spricht Bände: „Siedlung Eigenheim“ heißt das Quartier, das vor gut einem halben Jahrhundert unweit der Wiesbadener Innenstadt entstand. Hier, in gesuchter Wohnlage kaum fünf Autominuten nördlich der City und direkt am Stadtwald, wurden damals jene Eigenheime gebaut, die heute noch den Charme der Fünfziger verbreiten: kleine, bescheidene Häuschen auf relativ großen Grundstücken, im Innern meist in viele, aus heutiger Sicht enge Räume aufgeteilt. Wenn diese Häuser nun den Bewohner wechseln, wenn beispielsweise die nächste Generation ein solches Eigenheim übernimmt, ist fast automatisch der Wunsch nach Umbau da. Denn die gewandelten Bedürfnisse nach Raum müssen befriedigt werden. Aber wie? Für Architekten kann ein solcher Auftrag eine willkommene Gelegenheit sein, sich mit dem Bestand der 1950er und dessen Eignung für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts auseinanderzusetzen. Es gilt, zeitgemäße Antworten zu finden und damit dem so wichtigen „Bauen im Bestand“ zu noch mehr Konjunktur zu verhelfen.

Das Haus R. in Wiesbaden ist so ein Fall: Von der Eltern- an die Kindergeneration weitergegeben, hat sich die junge dreiköpfige Familie überlegt, was für ein Haus sie nun hat und was sie braucht. Schnell war klar, dass die mit Ausnahme des Wohnzimmers sehr bescheidenen Räume zu klein waren. Gemeinsam mit den Bauherren spielte man verschiedene Möglichkeiten durch und entschied sich schließlich für einen Anbau, der dem Haus äußerlich und innerlich ein vollkommen neues Gesicht gab. Die großzügige - und charakteristische - Situation des bestehenden Wohnraums mit Travertinboden, Betonkamin, Nussbaumdecke und Pultdach wurde beibehalten, ebenso das angrenzende Esszimmer. Ansonsten wurde das alte Haus gründlich umgekrempelt. Im Erdgeschoss wurden mehrere Wände entfernt, eine offene Küche ergänzt nun den fließenden Grundriss von Wohn- und Esszimmer, im Obergeschoss entstanden so ein großes Bad mit Sauna und der angrenzende private Bereich der Eltern. Aus dem Satteldach wurde ein Flachdach, ein kleiner Anbau entfernt, die Wände wurden neu verputzt, die Fensteröffnungen vergrößert.

Dem dergestalt rundum erneuerten Haus stellte man einen kleineren Zwilling zur Seite, der im Erdgeschoss Gäste- und Arbeitszimmer sowie ein kleines Bad und im Obergeschoss das große Kinderzimmer und ein weiteres Bad beherbergt. Ein gläsernes Treppenhaus mit eingestellter Stahlstiege erschließt das Obergeschoss und verbindet Alt- und Neubau, schafft aber gleichzeitig eine klare Zäsur zwischen den Baukörpern und ihren Wohnzonen. Da den Bauherren schon zu Beginn der Planung klar wurde, welch weitreichende Veränderungen des Bestandes notwendig waren, um ihre jetzigen Bedürfnisse zu befriedigen, waren sie schnell mit dem Vorschlag einverstanden, weitere zukünftige Nutzungsänderungen gleich mit einzuplanen. Wie reagiert das Haus beispielsweise, wenn das Kind älter wird, wie, wenn die Familie noch einmal größer wird, und wie, wenn sie wieder schrumpft? Als Antwort konzipierten wir den neuen Anbau als autarke Einheit, die mit wenigen Eingriffen zum (Jugend-)Appartment mit eigenem Zugang wird: die notwendigen Anschlüsse für eine kleine Küche z.B. sind bereits vorhanden, die Leichtbauwände erlauben andere Raumaufteilungen. Durch Schließen der Öffnungen zum Treppenhaus und Einstellen einer Wendeltreppe kann der Anbau schließlich zur separaten, vermietbaren Wohnung werden.

Doch bis dahin wird noch einige Zeit vergehen. Zeit, in der sich die Bauherren über ihr neues altes Haus freuen.